Auf zur Alm!

Oder: Wie der Flachstadtmensch  in Innsbrucks Bergen alleine nach  der Stille suchte.

Auf zur Alm! Eine derartige Aufforderung hat der Stadtmensch, der ich bin, bislang nur mit dem Besuch eines Spiels von Arminia Bielefeld verbunden. Doch wer einmal in Innsbruck ist und sich nicht gerade inmitten asiatischer Reisegruppen pudelwohlfühlt, der dürfte eigentlich nicht umhin kommen, zu einer der unzähligen Almen auf einen der noch noch unzähligeren Berge rings um dieses so wunderhübsche Städtchen zu wandern.

Innsbruck selbst erinnert im Stadtkern ein wenig an das im Phantasialand aufgezogene Alt-Berlin. Teils prächtig, teils gedrungen wechseln sich Barock- und Gotikbauten in der süßen Altstadt ab. Wie zu einem Schrein pilgern Touristengruppen zum Goldenen Dachl, der Hauptsehenswürdigkeit Innsbrucks. Das Dachl gehört in diese Kategorie der Sehenswürdigkeiten, die unwirkliche Erwartungen schüren, die sie zwangsläufig enttäuschen müssen. Die Ausrichtung der Altstadt führt eigentlich zwangsläufig zum Platz, wo das Dachl zu finden ist. Wer noch immer orientierungslos umherirrt, wird dezent durch diverse Schilder in Richtung der großen Innsbrucker Sehenswürdigkeit geführt. Nun ist es aber eben noch immer das, was es ist: ein goldenes Dächlein. Unbestreitbar hübsch, aber eher wenig monumental. Etwas für die Fotoalben der fernöstlichen Reisegruppen und natürlich historisch in gewisser Weise relevant, doch das dürfte in Europa jede zweite Ecke irgendwie sein. In Brüssel ist es ähnlich mit ¨Manneken Piss¨. Überall ausgeschildert, überall bekannt, aber dann doch nur ein kleines, pinkelndes Männchen. Damit soll das zweifellos schönere und bedeutendere Dachl nicht abgewertet werden, vielmehr soll dieser Vergleich begründen, warum ich mich schon am Tag nach meiner Ankunft in Richtung der Berge begab.

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Innsbruck ist durch und durch geprägt von den Tiroler Alpen. Egal, in welche Richtung du läufst, egal, wohin du schaust – eigentlich findest du stets eine unfassbare Kulisse vor dir. In meinen zwei Tagen präsentierten sich Nordkette, Patscherkofel und Bergisel wolkenverhangen, was alle fünf Minuten das gesamte Erscheinungsbild der Kulisse veränderte. Immer wieder tauchten neue Bergspitzen auf, während andere verschwanden.

Logischerweise lassen sich diese Berge nicht nur aus der Ferne begutachten. Innsbrucks Nähe zu den Alpen ist jederzeit spürbar, beginnen sie doch eigentlich gleich am anderen Inn-Ufer. Dementsprechend fahren auch etliche Bahnen, Lifte und sonstige Gefährte in Richtung Nordkette, weswegen ich insgeheim fürchtete, bei meinem ersten Alm-Ausflug wäre genauso viel los wie bei der Arminia. Aus diesem Grund wählte ich dann auch gleich mal einen relativ schweren Anstieg zur Höttinger Alm. Über 1000 Höhenmeter galt es zu überwinden und das zumeist an sehr steilen Passagen. Der Wanderguide warnte jedenfalls vor dieser mittelschweren Wanderung. Bergerfahrung sei möglich. Alles in allem hörte sich das etwas bedrohlich an, als bräuchte ich Mut, Geschick und diverse Kenntnisse, um die Höttinger Alm, Ziel meiner Wanderung, halbwegs unbeschadet zu erreichen. Da ich, stets ohne Warnhinweise, auch in Asien ziemlich steile Anstiege bewältigt habe (Alex sogar in Flip-Flops) und mich auch irgendwie wandernd auf Machu Picchu hinauf gerettet habe, habe ich mich, in der Annahme, dass die Österreicher ähnlich übervorsichtig sind wie Deutsche, einfach mal als bergerfahren eingestuft. Das sollte sich als großes Glück herausstellen.

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Auf den drei Stunden hinauf zur Höttinger Alm (zwei Stunden wandern, eine Stunde Fotos schießen und kurze Pausen einlegen) bin ich tatsächlich nur zwei anderen Menschen begegnet, die sich zudem im Abstieg befanden. Ein wenig hatte ich das Gefühl, als wäre ich mit dem Berg alleine. Weil auf derlei Höhen die Vegetation noch immer mehr als ausreichend vorhanden ist, schritt ich sehr lange Zeit durch dichten Wald. Berg und Wald ergeben eine herrliche Kombination und schon nach kurzer Zeit hielt ich an, um einem speziellen Geräusch zu horchen: Stille. Noch so ein für einen Stadtmenschen, der bis zum nächsten größeren Hügel oder Wald schon stundenlang fahren muss, ungewohntes Gefühl. Hin und wieder zwitscherten Vögel, aus der Ferne rauschte leise ein Bach – war das etwa diese viel gepriesene Natur? Mit der Zeit wird das Gehör jedenfalls empfindlicher und nach wenigen Minuten bemerkte ich, dass es doch gar nicht so still war. Das Summen der fernen Autobahn unterbrach die Stille dauerhaft.

Zwischendurch ging es über eine langes Stück Abfahrtspiste, die ich mich hochmühte. Definitiv das anstrengendste Stück, weil du die Höhe direkt vor dir hast und die Strecke so lang erscheint, während du im dichten Wald nur von Schritt zu Schritt denkst (wer das mit dem Wandern oder Klettern auch nur semi-ambitioniert betreibt wird sich über die ganzen Worte des naiven Stadtmenschen sicher amüsieren).

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Je näher ich der Alm kam, desto häufiger traf ich auf andere Menschen. Es gab noch eine weitere, einfachere und für Mountainbikes zugängliches Strecke. Viele der Menschen waren wie ich allein unterwegs und da fiel mir auf, dass es im Prinzip zwei verschiedene Arten des Alleineseins gibt: Allein allein und gemeinsam allein. Allein allein bist du entweder in Regionen, in die sich sonst kein einziger anderer Mensch verirrt (eher selten) oder in alltäglichen Situationen wie im Restaurant, wo stets für zwei gedeckt ist, in der Hostel-App, die stets von zwei Gästen ausgeht oder in Bars, wo du auf dich selbst anstößt. Nahe der Alm dagegen schienen die Menschen die Einsamkeit zu genießen. Es wirkte nicht mehr außerhalb der Norm, für sich zu sein. Stillschweigend schienen alle dasselbe zu fühlen. Das Panorama, was sich von der Höttinger Alm offenbarte, war schlichtweg überwältigend, während die Alm selbst auf 1500 Metern tatsächlich freilaufende Tiere, darunter komplett friedlebende Kühe, beheimatete und grandiosen Apfelstrudel servierte.

Danach ging es glücklicherweise wieder bergab und während vorher vor allem Lunge und Herz beansprucht wurden, bedankten sich nun die Gelenke. Auf etwas mehr als 1000 Metern Höhe wartete die Arzler Alm, die allerdings bereits weitaus dichter besiedelt war, weil ein relativ simpler Weg nach oben führte. Danach ging es schließlich über Hungerburg, Ölberg und Hötting wieder zurück in die Stadt. Sieben Stunden Wanderung waren Geschichte. Mein Date mit der Natur ein voller Erfolg und irgendwie die Lust auf mehr da. Das ist ja immer wieder das Problem auf Reisen: schon beim ersten Ort würde man gerne wochenlang verweilen, doch irgendwie treibt es dich dann ja doch wieder weg. Bei zwei Wochen in Innsbruck wäre das Interrailticket schließlich auch verschenkt. Die Nordkette war jedenfalls der perfekte Auftakt. Die Suche nach der richtigen Stille geht zwar weiter, doch der Naturbedarf des Stadtmenschen ist schon jetzt für die nächsten zwei Wochen gedeckt, auch wenn es fortan erst einmal weiter durch Berge und Seen geht.

 


 

 

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